Wer erinnert sich noch daran, dass man bis vor 15 Jahren zum Nachweis der Berechtigung für die Inanspruchnahme ärztlicher Leistungen einen Krankenschein brauchte, der von den Krankenkassen millionenfach versandt wurde ? Damals, als Internet und E-Mail sich bereits einen Platz in Wissenschaft und Wirtschaft erobert hatten, sorgte ein Mann dafür, dem Gesundheitswesen das Tor für effizientere, technologiegestützte Prozesse zu öffnen : Jürgen Sembritzki. Sein Name steht für die vor eineinhalb Jahrzehnten erfolgte Einführung der Krankenversichertenkarte, die für uns alle heute selbstverständlich ist. Diese Karte und ihre Weiterentwicklung im Rahmen einer modernen Telematikinfrastruktur hat ihn sein ganzes Berufsleben begleitet und geprägt.
Der 1954 geborene Telematik-Experte studierte Informatik an der Universität Braunschweig – der er im übrigen als Dozent stets verbunden blieb – und erkannte früh die Zeichen der Zeit, indem er sich auf medizinische Anwendungen spezialisierte, lange bevor Studiengänge für Medizininformatik an den Hochschulen etabliert waren. 1983 trat Sembritzki in den Dienst des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland (ZI) in Köln und übernahm dort 1992 die Leitung der Abteilung für Informatik und der EDV-Beratungsstelle des ZI. Als Projektleiter der Kassenärztlichen Bundesvereinigung steuerte er die Einführung der Krankenversichertenkarte auf Seiten der niedergelassenen Ärzte in Zusammenarbeit mit dem unvergessenen Dr. O. P. Schaefer. Sembritzkis Vision war die "Karte" als Schlüssel für eine vertrauenswürdige Kommunikation im Gesundheitswesen. Im Jahr 2000 wechselte er vom ZI zum 1999 gegründeten Zentrum für Telematik im Gesundheitswesen in Krefeld, das er seit 2001 als Geschäftsführer leitete.
Sembritzki erkannte schon während seiner Zeit beim ZI die zentrale Bedeutung der Normung und Standardisierung und engagierte sich deshalb ehrenamtlich in zahlreichen nationalen und internationalen Gremien. Seine Verdienste um die Normung aufzuzählen ist fast nicht möglich. Er war u.a. einer der Initiatoren, im Normenausschuss Medizin (NAMed) einen Fachbereich Medizinische Informatik zu gründen, dessen Leiter er seit der Gründung war. Ebenso hat er in den dazugehörigen vier Arbeitsausschüssen mitgearbeitet und dem Arbeitsausschuss Karten als Obmann vorgestanden. Er war jahrelang in den europäischen (CEN) und internationalen (ISO) Gremien des Bereichs "Health Informatics" tätig. Gerade in der Zeit kurz nach der Gründung des ISO/TC 215 "Health Informatics" hat er als Vice-Chairman des CEN/TC 251 "Health Informatics" maßgeblich die gute und notwendige Zusammenarbeit zwischen CEN und ISO gefördert. Als Head of Delegation für Deutschland hat er in beiden Gremien die deutschen Interessen vertreten wie kein anderer. Insbesondere lag sein Interesse an der Standardisierung der "Health Card" in der ISO/TC 215/WG 5, deren Convenor er jahrelang war. Mit der achtteiligen Norm-Reihe DIN EN ISO 21549 "Medizinische Informatik - Patientendaten auf Karten im Gesundheitswesen" konnte hier eine grundlegende internationale Norm geschaffen werden.
Jürgen Sembritzki pflegte über den Bereich der Medizinischen Informatik hinaus eine enge Zusammenarbeit mit anderen Normungsgremien, insbesondere den für die allgemeinen Karten und persönliche Identifikationen zuständigen Ausschüssen des Normenausschusses Informationstechnik und Anwendungen (NIA). Diese interdisziplinäre Einstellung hat Jürgen Sembritzki auch im Präsidialausschuss FOCUS.ICT des DIN Deutsches Institut für Normung als anerkannter Stakeholder des eHealth-Bereichs nutzen können.
Mit diesem Engagement beförderte er den so entscheidenden Standardisierungsprozess in der Industrie, der eine Grundvoraussetzung dafür ist, dass Technologien auf breiter gesellschaftlicher Ebene genutzt werden können. Er war mit seinem profunden Wissen aktiver Partner, wenn es um innovative und gesundheitsbezogene eHealth-Anwendungen sowie Vernetzungsstrategien, Datenaustausch, Datenspeicherung und -zugriffskonzepte sowie Chipkarten-Technologie für das Gesundheitswesen ging. Insbesondere im Bereich des Datenschutzes hat er Brücken für die Realisierung vertrauenswürdiger und sicherer Kommunikation gebaut. Nachhaltiges Beispiel ist der TeleTrust-Kryptoreport aus dem Jahr 1998, an dem er maßgeblich mitwirkte.
Als er im Jahr 2000 zum neugegründeten ZTG wechselte, war die Diskussion um die Rolle der Telematik in diesem Sektor in vollem Gang. Insbesondere als Geschäftsführer ab 2001 hat er sich unermüdlich und mit höchstem Engagement für die ZTG GmbH eingesetzt und sie in kurzer Zeit zu einem nicht nur in Nordrhein-Westfalen sondern auch in Deutschland und darüber hinaus anerkannten Kompetenzzentrum gemacht. Dabei kamen ihm seine umfassenden nationalen und internationalen Verbindungen und Erfahrungen ebenso zugute wie die für das ZTG- Geschäftsmodell charakteristische neutrale Fachlichkeit.
Die Entscheidung der Politik, in Deutschland eine elektronische Gesundheitskarte einzuführen, war für Jürgen Sembritzki nicht nur eine Bestätigung seiner Vorstellungen und Vorarbeiten in der Gesundheitstelematik, sondern eröffnete ein neues Aktionsfeld. Als Kartenexperte setzte er sich sofort mit seiner ganzen Kraft für dieses ambitionierte Vorhaben ein. Er ließ es sich nicht nehmen, persönlich Deutschlands größte Testregion Bochum-Essen zu leiten. Seine Vision einer umfassenden Vernetzung des Gesundheitswesens, die er als gesuchter Redner zu formulieren verstand, ging aber darüber hinaus. Schon bald folgten in NRW unter seiner Ägide weitere Infrastrukturprojekte am ZTG, wie die einrichtungsübergreifende elektronische Patientenakte, die Einführung des Heilberufsausweises in NRW oder ganz aktuell, die Erprobung des elektronischen Arztbriefes. Die Telemedizin als patientennahe Anwendung stand als nächstes großes Projekt auf seiner Agenda. Es ist Jürgen Sembritzki zu verdanken, dass Nordrhein-Westfalen bei der Einführung der Telematikinfrastruktur in Deutschland heute als führend gilt. Diese, in enger Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium NRW entstandene Landesinitiative eGesundheit.nrw, trägt seine Handschrift. Dabei richtete er seinen Blick stets auf nationale wie internationale Entwicklungen und verstand es, rechtzeitig entscheidende Impulse für eine akzeptierte und zugleich umsetzbare Gesundheitstelematik zu geben.
Jürgen Sembritzkis Stärke bei der Konzeption und Umsetzung seiner Vorhaben lag vor allem im konstruktiven Dialog und in seinem Talent, vernünftig bemessene Lösungen anzustreben, die er selbst dem Anspruch der Verständlichkeit, technischen Machbarkeit und ökonomischen Vertretbarkeit unterwarf. Dass er seine Anregungen und Beiträge gerade angesichts seines ausgeprägt kritischen Verstandes gern mit einem Augenzwinkern und dem nötigen Schuss Chuzpe vertrat, machte ihn besonders sympathisch.
Sein Vermächtnis für uns ist die Weiterführung seiner sein ganzes Berufsleben begleitenden Anstrengungen für einen humanen und qualitätsfördernden Einsatz moderner Informationstechnologien. Und es ist die Bereitschaft, den Dialog in den Mittelpunkt zu stellen und auf diese Art und Weise Handlungsoptionen und Lösungen für die aktuellen Herausforderungen der Gesundheitstelematik aufzuzeigen.
Jürgen Sembritzki verstarb am 28. Januar plötzlich und unerwartet. Wir verlieren in ihm einen großartigen Mitstreiter für die Modernisierung des Gesundheitswesens!
Dr. Zipperer, Vorsitzender des Aufsichtsrates der ZTG GmbH
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