Rückblick

„Online-Beratung in der Psychiatrie und Psychotherapie“


Auf sehr großes Interesse stieß der vom Zentrum für Telematik im Gesundheitswesen (ZTG GmbH) in Zusammenarbeit mit dem Institut für Klinische Psychologie und Psychologische Diagnostik (IKPPD) der Universität Köln durchgeführte Workshop zur Online-Beratung, der am 13.November 2008 in Köln stattfand. Der Workshop thematisierte die spannende Entwicklung der Online-Beratung, die in einzelnen Praxen und Kliniken bereits seit dem Jahr 2000 in die psychiatrische und psychotherapeutische Patientenversorgung integriert wird. Insgesamt wurde den Teilnehmern und Teilnehmerinnen ein vielfältiges Vortragsprogramm geboten, welches sowohl die Potentiale und Hindernisse der aktuellen Praxis der Online-Beratung beleuchtete, als auch den aktuellen Stand der Wissenschaft und Forschung anschaulich vermittelte.

Online-Beratung bietet viele Chancen, erfordert jedoch hohes Engagement und Mut zur „Abrechnungsakrobatik“…

Diesen Eindruck hinterließ Dr. Dr. Mück (ärztlicher Psychotherapeut; Köln), der den Workshop mit einem eindrucksvollen Vortrag über seine Erfahrungen in der internetgestützten Psychotherapie (IP) eröffnete. Dr. Dr. Mück berät bereits seit sieben Jahren seine Patienten auch online über E-mail und kann mittlerweile auf ca. 16.000 E-mail-Kontakte mit 200 Patienten zurück blicken. Die größten Hindernisse liegen derzeit in der nicht vorhandenen klaren Gebührenziffer für Internetleistungen. Dies liegt daran, dass eine psychotherapeutische Behandlung laut §5 Abs. 5 der Musterberufsordnung der Bundespsychotherapeutenkammer in der Regel nur im direkten face-to-face Kontakt durchgeführt werden darf. Mediengestützte Beratungsmethoden bedürfen einer begründeten Ausnahmeregelung, die aufwendige bürokratische, rechtliche und organisatorische Hindernisse nach sich zieht. Demzufolge scheuen viele ärztliche Psychotherapeuten die Nutzung des Internets als Therapiebestandteil. Eine weitere Hürde sind außerdem die hohen Anforderungen im Rahmen des Datenschutzes, die beim Umgang mit sensiblen Gesundheitsdaten selbstverständlich einzuhalten sind. Dr. Dr. Mück löst dieses Problem, indem er im Vorfeld der IP klare Regeln des E-mail-Verkehrs schriftlich mit seinen Patienten vereinbart. Diese Vereinbarung ist auch Bestandteil seiner ethischen Verpflichtung gegenüber seinen Patienten, welche das Wohlbefinden des Patienten als oberste Priorität verfolgt. Durch klare Regeln können laut Dr. Dr. Mück unnötige Konflikte und Ängste der Patienten im Vorfeld verhindert werden, sowie ein rasches Burnout des Therapeuten.

Online-Beratungsangebote können NIE die reale Begegnung ersetzen, sondern sind immer als Zusatzangebot zu verstehen!

Dies ist nicht nur die Überzeugung von Dr. Dr. Mück, sondern einstimmiger Konsens aller Workshopteilnehmer.
Trotz der genannten strukturellen Hürden hat Dr. Dr. Mück die IP fest in seinen Praxisalltag integriert und der Erfolg seiner Arbeit spiegelt sich deutlich in einer Evaluierung seines Online-Beratungsangebotes wieder. Neben der Förderung der therapeutischen Beziehung durch ein Gefühl der dauerhaften Verbundenheit und der Möglichkeit, spontan seine Emotionen mitzuteilen, schätzen die Patienten die Möglichkeit der anonymen Kontaktaufnahme, durch die auch schambehaftete Themen leichter thematisiert werden können. Außerdem verlaufen Therapien strukturierter, Therapiesitzungen sind lösungsorientierter und die Therapie wirkt möglicherweise nachhaltiger.

Online-Beratung sichert die Versorgungskontinuität und erhöht somit die Versorgungsqualität…

In diesem Sinne berichtet auch Markus Wolf vom Universitätsklinikum Heidelberg. Dort werden ebenfalls seit dem Jahr 2000 neue Informations- und Kommunikationstechnologien in der Psychotherapie, speziell in der klinischen Nachsorge eingesetzt, um die in der Klinik erreichten Behandlungsziele länger zu halten. Da viele Patienten eine klinische Nachsorge wünschen, aber in der Regel sehr lange auf einen ambulanten Therapieplatz warten müssen, bietet das Universitätsklinikum in Kooperation mit anderen Kliniken sog. Internet-Brücken an, um den Patienten eine kontinuierliche Versorgung zu ermöglichen. Internet-Brücken können per E-mail gebaut werden und bieten somit im Rahmen eines Individualsettings die erforderliche individuelle Unterstützung. Außerdem können Internet-Brücken auch in Form eines Chats angeboten werden und somit das in der Psychotherapie häufig angewendete Gruppensetting ermöglichen. Weiterhin werden auch SMS-Brücken für Minimalinterventionen angeboten, um psychisch kranken Menschen, welche häufig rückfallgefährdet sind, eine lückenlose Betreuung zu gewährleisten. Chronisch kranke Menschen profitieren anscheinend sehr von diesen Angeboten, denn die Abbrecherraten sind sehr gering.

Online-Beratung kann zum festen Bestandteil integrierter Versorgungsangebote werden.

Diesen positiven Nutzen haben mittlerweile auch schon die Krankenkassen erkannt und bieten deshalb ihren Versicherten rund um die Uhr Serviceangebote über ein Gesundheitsportal an. Das Programm „Lebenshilfe online“ wird derzeit von 59 Betriebskrankenkassen bereitgestellt und bietet von der Mailberatung über Einzel- und Gruppenchats bis zu monatlichen Expertenchats ein breites Beratungsspektrum an. Die hohe Akzeptanz der Versicherten spiegelt sich in den stetig steigenden Zugriffszahlen und hat die Betriebskrankenkassen motiviert, die Online-Beratung sowohl thematisch, als auch technisch weiter zu entwickeln. So werden zukünftig neue interaktive Elemente und weitere Module sowie Themenwelten mit unterschiedlichen Schwerpunkten in das Serviceangebot eingebunden, um noch gezielter und nachhaltiger auf die jeweiligen Bedürfnisse der Versicherten einzugehen.

Online-Beratung bietet noch ein hohes Forschungspotential…
Diese Entwicklung erfordert jedoch auch, dass die Online-Beratung weiter beforscht wird, da bisher noch keine ausreichende theoretische Fundierung vorliegt. Dr. Christiane Eichenberger vom IKPPD hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, die Besonderheiten der Online-Beratung wissenschaftlich zu untersuchen. Zum jetzigen Zeitpunkt kommt sie zu dem Ergebnis, dass die neuen Möglichkeiten der Telepsychologie und –psychiatrie immer nur als Ergänzung und Erweiterung der herkömmlichen Therapie angewandt werden können. Sie sollten jedoch wissenschaftlich und praktisch weiter entwickelt und evaluiert werden, um bei positiven Evaluationsergebnissen zunehmend in den Versorgungsalltag integriert zu werden. Denn die gesellschaftliche Entwicklung zeigt deutlich, dass die computervermittelte Kommunikation bereits ein fester Alltagsbestandteil ist, dessen positive Wirkung zukünftig auch im therapeutischen Alltag genutzt werden sollte. Professor Dr. Gottfried Fischer vom IKPPD konnte den Workshopteilnehmern abschließend eindrücklich die Vorteile eines Dokumentationssystems für die Psychotherapie und Traumabehandlung zeigen, welches eine gezielte Evaluation und Qualitätssicherung in der Psychotherapie ermöglicht. Dies führt dazu, dass beispielsweise ähnliche Fallkonstellationen vergleichbar gemacht werden können und erfolgreiche Therapieverläufe jederzeit einsehbar und für weitere Behandlungen genutzt werden können.


VERANSTALTUNGSHINWEIS


Online-Beratung in der Psychiatrie und Psychotherapie: Potentiele, Hindernisse und Perspektiven für die Zukunft (6 CME Punkte)

:: Programm
:: Vorträge
:: Downloads
:: Teilnahmegebühren

13. November 2008
14.00 - 19.00 Uhr :: IKPPD Institut Klinische Psychologie und Psychologische Diagnostik (IKPPD) Universität zu Köln, Hönninger Weg 115, 50696 Köln

Veranstalter
ZTG GmbH in Zusammenarbeit mit dem IKPPD Institut Klinische Psychologie und Psychologische Diagnostik (IKPPD) Universität zu Köln
Art der Veranstaltung
Workshop

Inhalt der Veranstaltung

Die Online-Kommunikation per E-Mail hat sich inzwischen in allen Lebensbereichen etabliert. Auch das Gesundheitswesen ist mit dem Aufbau einer umfangreichen Telematikinfrastruktur dabei, elektronische Kommunikationswege zu intensivieren und zu professionalisieren.

In der Psychiatrie und Psychotherapie ergibt sich die Möglichkeit, Patienten Online zu beraten. Eine Online-Beratung ermöglicht Patienten nicht nur einen leichteren Einstieg in eine Therapie, sondern ermöglicht Therapeut und Patient ein besseres Zeitmanagement, und ist gleichzeitig ein Medium zum Austausch von Inhalten, die der Patienten eventuell schriftlich besser als mündlich äußern kann. Gerade Jugendliche wissen vergleichbare Angebote im Internet schon jetzt zu schätzen. Aber auch für berufstätige Patienten kann eine Online-Beratung die Therapie kontinuierlich begleiten, was mit einer reinen „Face-to-Face“ Beratung häufig nicht möglich wäre.

Doch für Ärzte gestaltet sich der Abrechnungsprozess schwierig. Obwohl erste Studien, den Nutzen bei verschiedenen Indikationen in der psychotherapeutischen Online-Beratung bewiesen haben, übernehmen nur wenige Krankenkassen solche Angebote.

Der Workshop hat zum Ziel, den Teilnehmern die Vorteile und Risiken der Online-Beratung, sowie erste erfolgreiche Projekte vorzustellen und Möglichkeiten aufzuzeigen, dieses Angebot auf den Weg zur Regelversorgung zu bringen. Nutzen Sie die Chance, sich über Online-Beratungsmöglichkeiten umfassend zu informieren.

Programm

Zeit

Thema

Referent(in)

14 Uhr

Eröffnung und Moderation

Dr. Jennifer Meyer (ZTG)

14.05 Uhr

Möglichkeiten telematischer Anwendungen in der Psychotherapie im Praxisalltag Hindernisse und Erfahrungen

Dr. Dr. Herbert Mück, ärztlicher Psychotherapeut aus Köln

14.45 uhr

Internationale wissenschaftliche Studien zu Online-Beratungen in der Psychiatrie

Dr. Christiane Eichenberg (IKPPD Institut für Klinische Psychologie und Psychologische Diagnostik, Universität zu Köln

15.25 Uhr

Pause mit kleinen Snacks und Getränken


15.45 Uhr

Hilfe aus dem netz Praxis und Theorie der Online-Beratung

Birgit Knatz, DGOB Deutsche Gesellschaft für Online- Beratung

16.25 Uhr

E-Mail in der Psychotherapie- ein Nachbehandlungsmodell via Electronic Mail für stationäre Psychotherapie

Markus Wolf, Universitätsklinikum Heidelberg

17.05 Uhr

Online-Beratung bei psychosozialen Konflikten - Ergebnis einer innovativen Kooperation mit einer Krankenkasse

Margot Wehmhöner, BKK Bundesverband Essen

17.45 Uhr

DasKölner Dokumentationssystem für Psychotherapie und Traumabehandlung (KÖDOPS)- Computerunterstützte Planung, Evaluation und Qualitätssicherung in der Psychotherapie

Prof. Dr. Gottfried Fischer, IKPP Institut für Klinische Psychologie & Psychotherapie, Universität zu Köln

18.25 Uhr

Diskussionsrunde mit den Referenten


19 Uhr

Ende der veranstaltung


Teilnahmegebühren und Hinweise zur Anmeldung

Die Teilnahmegebühr beträgt € 129,00 pro Person, für Studenten € 59,-.

Die Veranstaltung wird mit 6 CME Punkten durch die Ärztekammer Nordrhein anerkannt.

Anmeldung
Downloads zur Veranstaltung

  Programm und Anmeldung

Online-Beratung in der Psychiatrie und Psychotherapie Workshop
Vorträge zum Download

  Vortragsfolien

Zusammenfassung Dr. Dr. Mück, ärztlicher Psychotherapeut in Köln
Vortragsfolien Dr Eichenberg, IKPPD Universität Köln
Vortragsfolien Markus Wolf, Universitätsklinikum Heidelberg
Vortragsfolien Margot Wehmhöner, BKK Bundesverband
Vortragsfolien Iris Osterloh, ZTG Zentrum für Telematik im Gesundheitswesen